Wie wird die "Welt 4.0" das Industrial Design verändern?

Eine Einschätzung von Birte Jürgensen (zweigrad Geschäftsführung) ...

Dass Industrie 4.0 unsere Welt verändern wird ist unumstritten. Alle reden über diese Revolution, über das „Internet of Things“ oder das „Internet of Services“, über „Big Data“. Doch was genau ist Industrie 4.0? Wer begreift heute ihre Ausmaße? In welcher Weise wird Industrie 4.0 das Umfeld und die Gewohnheiten eines jeden einzelnen von uns verändern? - Im Privatleben wie in der Arbeitswelt? Und was bedeuten veränderte Nutzungsszenarien für uns Menschen? Als Designer und Ingenieure beschäftigen uns diese Fragen. Unser Wunsch nach Verstehbarkeit hat uns angetrieben, einen Blick in die Zukunft zu wagen und mögliche Szenarien einer „Welt 4.0“ zu visualisieren. Im Rahmen unseres zweigrad Vision Panels haben wir dazu Visionen von zukünftig möglichen Produkten entwickelt.

Aus meiner Sicht wird der Erfolg von Industrie 4.0 -und damit meine ich nicht nur den wirtschaftlichen Erfolg- auch wesentlich davon abhängen, ob es uns gelingt, den Menschen „mitzunehmen“. Fest steht, dass diese Entwicklung unser Leben mindestens so nachhaltig beeinflussen wird wie die Digitalisierung oder die Verbreitung des Mobiltelefons. Wir werden zukünftige Produkte komplett anders nutzen als heute. Insofern wird sich die Mensch-Maschine-Schnittstelle „Produkt“ radikal verändern. Hard- und Software werden immer weiter miteinander und mit der realen Welt verschmelzen. So hält Augmented Reality schon seit längerer Zeit rasant Einzug in die Produktion, aber auch in den privaten und öffentlichen Bereich. Die standardmäßige Nutzung von Virtual Reality - Anwendungen hakt nicht mehr an der Rechenleistung, jedes Smartphone kann mittlerweile 3D-Bilder ausgeben. Sobald es Lösungen für ein immersives Feedback auf alle Sinne unseres Körpers gibt, werden wir uns in einigen Bereichen komplett von der realen Welt in die virtuelle verabschieden. Intuitive Software wird eine immer größere Rolle spielen. Auch virtuelle Produkte wollen gestaltet werden.

Wir müssen uns auf diese veränderte Situation einstellen. Die autarke Gestaltung von Hardware, wie sie das Bild des klassischen Industriedesigners seit Jahrzehnten ausmachte, wird keine ausreichenden Antworten mehr auf die veränderten Anforderungen einer zunehmend virtualisierten Welt geben können. Wir müssen interdisziplinär denken und arbeiten, wenn wir den Menschen eine vernünftige Antwort auf die veränderten Nutzungsszenarien geben wollen. Da wir auch in Zukunft unserem hohen Anspruch an Usability und Ergonomie gerecht werden wollen, gestalten wir verstehbare Anwendungen, ausgerichtet auf ihr spezifisches Nutzungsszenario, in einem interdisziplinären Team aus Ingenieuren, Industrial Designern und Interaction Designern. Für uns bei zweigrad steht der Mensch im Mittelpunkt. Denn auch und gerade in einem immer stärker technologisierten Umfeld soll die Maschine dem Menschen helfen und nicht umgekehrt. Jede Anwendung, jedes Produkt –egal ob Hard- oder Software- soll dem Menschen das Gefühl geben, verstanden worden zu sein. Eine Herausforderung, die wir gern annehmen, und die uns die nächsten Jahre beschäftigen wird: the beauty of understanding.

-> Weitere Publikationen zu Industrie 4.0

„Charlie bit my finger“ – und warum die Welt GUI spricht

Ein Kommentar von Stefan Proud (zweigrad Interaction Designer) ...

Tragbare Geräte mit Internetzugang verbreiten sich weltweit schneller als die Stromnetze, mit denen sie geladen werden. Der digitale Informationsfluss, der damit einhergeht, kann fast jeden Menschen der Erde mit Informationen und Dienstleistungen versorgen, womit dieser Zugang zur wahrscheinlich ersten, weltweit verfügbaren universellen Dienstleistung wird. Mit der Nutzung von Handy, Cell Phone, Shou-Ji, Celular, Tablet, iPad oder anderer internetfähiger Geräte sind Sie einer gigantischen Welt voller grafischer Benutzeroberflächen (GUI – von „Graphical User Interface“) ausgesetzt. Aufgrund der Funktionsweise digitaler Produkte wie Apps und Webbrowsern werden Nutzer auf der ganzen Welt zeitgleich und ohne Verzögerung mit den neusten Verbesserungen und Konzepten von Nutzeroberflächen konfrontiert. Diese intensive Auseinandersetzung mit GUI-Design verringert die digitale „Lernkurve“ – also die Zeit, die Benutzer benötigen, um die Bedienung des Produktes oder der Dienstleistung zu verstehen. Die Konfrontation mit dem Design digitaler Benutzeroberflächen ist unabhängig von Kultur, Erziehung, sozialer Schicht und Schulbildung. Diese „digitale Sprache“ wird auf der ganzen Welt gesprochen und verstanden. Das Internet stellt uns dabei die Hilfsmittel zur Verfügung, die wir zur Kommunikation benötigen und liefert gleichzeitig die Themen die wir teilen und über die wir reden.

Videos von Babys und Haustieren sind Internetphänomene (und Themen), die uns vereinen. Emojis, Such-, E-Mail- und Menü-Symbole sind fast so bekannt wie die Logos der weltweit größten Marken. „Charlie“, der kleine britische Junge, der seinen Bruder in den Finger gebissen hat, wird auf der ganzen Welt wiedererkannt (830 Mio. Klicks auf You Tube), weil die verwendeten grafischen Benutzeroberflächen und Prozesse zur Ansicht solcher Videos fast jedem vertraut sind.

Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt derzeit in Regionen ohne Straßen-, Strom-, und Wasserversorgungsnetzen oder kabelbasierten Telefon- und Internetanschlüssen. Diese Hürden können in der nahen Zukunft durch eine drahtlose Datenübertragung überwunden werden. Tragbare Geräte, die sich mit Generatoren und kleinen Solarladegeräten aufladen lassen, ermöglichen die Verbreitung dieser Technologie in Gegenden, in denen alle anderen grundlegenden Dienstleistungen fehlen. Bald sind wir alle miteinander verbunden, und durch grafische Benutzeroberflächen gesteuerte Verhaltensweisen und Symbole auf mobilen Geräten sind überall bekannt. Wenn wir in 20 Jahren zurückblicken, werden wir Unternehmen nicht mehr verstehen, die sich dagegen entschieden haben, die explosive Entwicklung der Online-Aktivitäten im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts zu nutzen – ebenso wie es jemand in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts sicher nicht verstanden hätte, warum zwei Jugendliche aus einem Land am Persischen Golf heute das Video von Charlie nachspielen.